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Die Nacht der Wölfe – Kapitel 4

Es war absolut dunkel, kein Lichtschimmer war zu erkennen. Nur der volle Mond trieb anscheinend seine Spielchen mit der düsteren Stadt und riss mit seinen Lichtstrahlen gähnende Löcher in den Nebel, wie ein Leuchtturm an einer felsigen Küste. Alles drehte sich um ihn, sein Magen rebellierte, seine Sicht war verschwommen.
Vegeir torkelte zum Scheunentor, suchte mit seiner linken Halt an einem der Bindebalken und versuchte standfest zu bleiben. Doch seine Knie zitterten und er schwankte, bis er sich schließlich mit seinem Rücken an die Wand lehnte. Seine Wunde war nicht echt, eine Täuschung.
Seine Gedanken drehten sich nur noch um das Gesehene, das Erlebte – Vergangenes.

Er wusste nun etwas um das Geschehen in diesem Dorf. Etwas Unheimliches musste vorgefallen sein.
Auf irgendetwas waren die beiden Bauern eingestürmt, etwas, dass ihnen gehörig Angst gemacht haben muss. Und dieses Etwas war hinter ihm in die Scheune gekommen.
Ein schlurfender Gang, gurgelnde Geräusche. Er hätte zuerst auf ein paar wahnsinnige Menschen getippt, doch was konnten ein paar Irre in einem ganzen Dorf anrichten?

Als die Mistgabel in ihn stieß war er zurückgeschreckt, doch als die beiden einfach durch ihn hindurch gerannt sind und der Schmerz plötzlich vorbei war, lag er am Boden. Noch war er bei Sinnen und seine Hände schlossen sich um keine Wunde.
Im Gegenteil, als die Schatten seinen Körper durchfuhren, wurde ihm warm.
Er verspürte die Wärme, die ihn in die Arme seiner Frau führten.
Die Wärme, die ein lachendes Kind beherzt weitergeben konnte…

Kleines Kind. Ihm kam wieder etwas in den Sinn. Vegeir erstarrte.
Nein! zischte er mit einem rauhen Ton in der Stimme. Vegeir nahm seine Kraft zusammen und trat mehrere Schritte voran. Seine Beine waren immer noch zittrig, sein Nacken steif, aber er bewegte sich mehr oder weniger weiter auf die Strassenmitte vor.
Sie waren nicht da. Beide waren nicht da.

Vegeir rief nach Brégo und Jaina. Er fiel längseits zu Boden, mit seiner Rechten nach einem Fetzen Leder greifend, es umklammernd. Dann überkam ihn Dunkelheit. Alles drehte sich. Er sah nur Schwärze, wohl eine Folge seiner Schwäche von gerade eben. Er rümpfte die Nase und zwang sich zu Bewusstsein. Doch für einen Moment hielt er inne.

Er hörte etwas. Grillen zirpten, Blätter raschelten im Wind, Kieselsteine wurden hinweggefegt vom Wind… und Stimmen ertönten leise mit einer kühlen Brise. Alles Einbildung. Er redete sich ein, das sich das alles in seinem Kopf abspielte. Schließlich hatte es keine Kieselsteine auf der Strasse gegeben, geschweige den Bäume auch nur in der Nähe der Stadt. Und dann vor allem diese Stimmen.
“Hier war es. Von hier kamen die Rufe.” flüsterte eine männliche Stimme in die Schwärze hinein, sich durch die Nacht nähernd.
“Also ich habe nichts gehört.” antwortete eine andere, tiefere Stimme auf die Behauptung.
“Ich schwör es. Wenn nicht, bekommst du die Gewinne aus dem Spiel -Warte.”

Vegeir blinzelte. Seine Sicht wurde ein wenig klarer. Er lag bauchseits auf der Strasse, die Glieder gekrümmt. Seine langen Haare waren durcheinander gewirbelt, sein Gesicht lag vor einer modrigen Pfütze auf.
Der einzigste Anhaltspunkt darauf, das er kein totes Tier oder ähnliches war, lag darin, dass sein Schwert neben ihm auf dem Pflaster lag, von einigen wenigen Luichtstrahlen des Monds erleuchtet.

Er drehte sich leicht um, in den Himmel blickend. Auf mysteriöse Weise löste sich der Nebel über ihm fast komplett auf. Sterne funkelten am Firmament. Der Mond schien noch wie vorher. Doch er hatte gleich bemerkt, etwas fehlte. Brégo und Jaina waren weg.

Er wusste nicht wie lange er in der Scheune gewesen war. Wer konnte das schon sagen? Minuten, vielleicht eine Stunde, vielleicht die halbe Nacht? Er hatte sein Zeitgefühl verloren. Ihm kam es vor, als wären nicht einmal ein paar Sekunden vergangen, seid er in die Stadt hineingeraten war. Weshalb war er hier? Warum kam er gerade hierher. Er hatte alles vergessen.

Vegeir hörte in die Nacht hinaus, was sonst konnte er tun. Seine Benommenheit und Kraftlosigkeit liess keinerlei Bewegung zu, seine Augenlieder wurden wieder schwer. Er versuchte sich wachzuhalten.
“Hast du gesehen, wie ich ihn ausgespielt habe? Er hat fast sein ganzes Gold verlo…” Schritte kamen zum stehen.
“Was ist?” antwortete die Stimme auf den abrupten Stillstand..
“Siehst du ihn nicht?” erklang eine tiefere, rauhe Stimme – Kurze Stille.

“Hab ich es dir nicht gesagt?! Hab ich es dir nicht gesagt?!” erklärte die erste von den beiden Stimmen.
“Ja, hast du.”
“Ha, ich hatte recht!”
“Angeber.”
“Hab ichs dir nicht gesagt! Hab ichs dir nicht gesagt?!“
“Jaja, du zerrst an meinen Nerven, weißt du das? Also sei ruhig…” Es klang beinahe so, als ob der eine seinen Kollegen provozieren wollte…
“Dann schuldest du mir wohl –“
Ein dumpfer Schlag und ein kurzes Fluchen. Diesmal war die Stille länger.

“Das hast du davon. Ich hab’s dir gesagt.“ zischte der Schläger, der älter und irgendwie anders klang als der Dümmling, der die ganze Stadt mit seinem Geschwätz hätte aufwecken können… wenn jemand hier gewesen wäre, versteht sich. “Du Mist –“ Ein weiterer dumpfer Klang.

“Sei einfach ruhig, in Ordnung? Dein Gold bekommst du, keine Sorge.”
“Ja… In Ordnung.”
“Jetzt lass uns den da drüben mal näher anschauen…”

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