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Die Nacht der Wölfe – Kapitel 3

Etwas fehlte. Irgendetwas fehlte, aber nicht nur hier…
Knieend redete er sich ein, dass es nur Einbildung war. Vegeir blickte sich um. Er erkannte nichts. Und gerade DAS beunruhigte ihn. Das Licht ist weg? Was zum Teufel…

Vegeir hackte den Gedanken ab, während er sich schnellstens aufrappelte.
Etwas war an seiner Hand – etwas krabbelte über seine Hand… Es war das Gefühl, als wenn hunderte Ameisen über den Handrücken laufen würden, doch es hörte nicht auf, obwohl Vegeir auf seine blanke Hand schlug, als ob er die kleinen Krabbler verscheuchen wollte.
Doch… es war nichts! Nichts war auf seiner Hand – keine Ameisen, nicht mal Sand oder ein Strohhalm.
Verdammt nochmal!

Vegeir fluchte über sich selber. Er war wütend auf sich, diese Scheune, die Dunkelheit und das Mädchen. Ja, das Mädchen. Und seine Gutmütigkeit. Er hasste sie. Sie war der Grund weshalb er so weit in diese Stadt vorgedrungen war. Sie war es, die ihn mit ihrem Lächeln eingewickelt hatte. Sie war der ausschlaggebende Punkt. Sie allein war an seinen Gefühlen, seinen Gedanken Schuld.

Er hasste sie… sie lenkte ihn von den wichtigen Dingen ab! Aber sie erinnerte ihn auch an seine kleine Tochter. Sie waren sich wirklich gleich und doch so verschieden.
In diesem Augenblick drehte er sich um… eine Gänsehaut überfuhr ihn.

Die Dunkelheit war noch immer da. Es schien, als hätte sich nichts verändert. Doch Vegeir stand es in den Augen geschrieben. Er konnte nichts sehen. Keine Wand, kein Tor, keine Strasse, kein kleines Mädchen auf seinem getreuen Pferd. Er schritt langsam voran, vor jedem Schritt vorsichtig nach Halt für seine Füße suchend. Er blickte zu Boden. Gähnende Leere. Es schien, als wenn alles um ihn herum verschwunden wäre.

Gedanken schwirrten ihm blitzschnell durch den Kopf. “Vielleicht liegt es an diesem Ort,” flüsterte er vor sich hin, langsam zum Stillstand kommend und seiner Umgebung lauschend. Schließlich musste er etwas hören können, es konnte nicht alles von einem Augenblick auf den anderen verschwunden sein!

Er spielte sogar kurz mit dem Gedanken, das er durch einen magischen Einfluss sein Augenlicht verloren haben könnte. Aber wie? Und weshalb? Schließlich hatte er gerade noch gesehen, wie die Rinnsaale aus der Scheune floß und er an das Mädchen dachte: Jaina! Er machte sich Sorgen um sie. Um sie und Brégo…

Er hörte keine Grillen, keinen Wind. Nicht mal ein leises Atmen seiner seits. Komplette Stille – wie oft hatte er sich das in anderen Situationen gewünscht, um nachzudenken oder einfach nur die Ruhe vor dem Sturm zu geniessen, wenn er in die Schlacht zog. Waren die beiden in Gefahr?

Vegeir zuckte zusammen. Ein Rascheln war im Hintergrund zu hören. Ein Gebüsch, dachte er zuerst, doch hatte er keinen einzigen in der Stadt gesehen… erst recht nicht in der Scheune, in der er sich imemr noch befand – so glaubte er zumindest.
Wenn auch das Geräusch ein Beweis war, das er nicht auch noch taub geworden war, stellte er sich die Frage, wodurch das Geräusch üebrhaupt ausgelöst wurde. Er versuchte sich zu beherrschen und sich die ganze Situation klar zu machen. Sein erster Tipp beruhte auf der Einwirkung von Magie, doch schoss ihm der Gedanke in den Kopf, dass es genauso gut ein Gas sein konnte, das sich womöglich in der zerbrochenen Lampe befunden hatte. Wieso auch nicht?
Schließlich benutzte seine Frau zu Hause auch diese neuen Lampen, die auf entzündbarem Gas entfachten.
Aber er hatte Öl bemerkt, das ausglaufen war. So kam er wieder auf die Magie zurück. Lag ein Fluch auf dem Dorf? Das hätte auch diese “Ausgestorbenheit” erklärt.

Vegeir runzelte die Stirn. Er versuchte sich auf die Lehren seines Meisters zu entsinnen: “Vetraue in deinem Leben auf deine Ohren, deine Hände und dein Schwert. Die Magie täuscht dich wie auch seinen Benutzer nur. Bleib bei Sinnen, wenn du in Ihre Gewalt kommst.” Die Stimme in seinem Kopf klang immer noch so rauh und streng wie zu seinen Kindheitstagen. Er hatte den Rat immer befolgt, heute aber war der erste Tag, an dem er ihn wohl auch anwenden hätte sollen.

In seinem Kopf passte nicht alles zusammen. Er verbannte die nervende Stimme zurück in die hintersten Ecken seines Schädels. Er sah wieder hinaus in die Dunkelheit. Ein Glitzern. Vegeir spitzte die Ohren, schärfte seinen Blick. Vor ihm war etwas. Ein Licht in der Dunkelheit. Etwas weiter rechts ein weiteres Aufblitzen. Das Licht wurde heller und heller, genau so wie sich ein Feuer durch Papier durchbrennt. Eine Form bildete sich.

Vegeir linste, noch immer von Dunkelheit umgeben auf das fahle Licht. Er dachte zuerst an die Erzählungen von einem Licht an dem Ende eins langen Tunnels, das man angeblich sehen sollte, wenn man im Sterben lag.
Bisher hatte er noch keine Erfahrung mit dem Tod gemacht. Und das wollte er nun auch noch nicht nachholen.

Gerade als er im Begriff war, sich schnellstens vom Licht zu entfernen, hörte er ein lautes Rumpeln. Es klang wie ein umstürzender Kistenstapel. Hatte er vorhin in der Scheune nicht einige Kisten gesehen, die gebrochen und zersplittert am Boden lagen? War es vielleicht möglich… Kalter Schauer überfuhr ihn. Ein lautes Getrampel. Er blickte wieder zum Licht. Ein abstraktes “M” bildete sich und riss einen Schimmer in die Schatten. ES kam näher.

Mit einer eigenartigen Bewegung riss irgendetwas an ihm und drehte es kopfüber weit nach oben. Es wackelte leicht und kam schnell auf ich zu, bis es sich langsam senkte und die unteren Enden auf ihn zeigten.
Vegeir erkannte die Form, gerade als der erste Schemen in einen unscheinbaren Lichtkegel trat: Ein in Lumpen gekleideter Mann rannte direkt auf ihn zu, die Mistgabel direkt auf Bauchhöhe richtend! Gefolgt von einem weiteren, grimmigen und stämmigen Jungen, der ein mies verarbeitetes Kurzschwert hoch erhoben schwang und zum Schlagen bereit war.

Blitzschnell fand sich Vegeirs rechte Hand am Schwertknauf und zog es einen Finger breit heraus, als ein lautes Grumeln ihn herumfahren liess und er einen Blick in die Dunkelheit hinter seiner Schulter warf.
Schatten hoben sich von der Umgebung ab und bewegten sich auf ihn zu.

Von beiden Seiten gleichzeitig attakiert! Vegeir hätte nervös werden sollen, doch er malte sich bereits in Gedanken den Kampf aus. Ausweichen, Parieren und zuschlagen. Doch bevor er auch nur das Schwert komplett ziehen konnte, waren die beiden Bauern nah genug heran gekommen. Vegeir zuckte zusammen und die Mistgabel rammte sich in ihn herein. Ein heftiger Stoss in die Magengegend liess ihn zurückfallen. Er schrie auf, verspürte die Klinge in seinem Magen, doch seine Gegner stürmten weiter auf ihn ein…

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