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Die Nacht der Wölfe – Kapitel 2

Brégo wurde unruhig.
Sie war abrupt stehen geblieben und schnaubte. Sie ging wie erschrocken ein paar Schritte zurück und wieherte leise, als wenn sie Vegeir auf etwas aufmerksam machen wolle.
Dieser kniff die Augen zusammen. Er versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Nichts.

Vegeir streichelte ihr mit seiner linken Hand über den langen Hals und sanft über das Ohr, in welches er leise etwas Unverständliches flüsterte, das die Stute beruhigte.
Stumm starrte er die Strasse entlang. Es war nur der Wind.
Trotz dieses Gedankens verharrte seine Rechte immer noch am Schwertknauf an seiner Taille.

Plötzlich fühlte er etwas an seiner Hüfte. Vegeir zuckte zusammen und mit einer schnellen Bewegung hatte seine Hand etwas gefasst…

Es war bereits mindestens eine Viertel Stunde vergangen, als er dieses kleine Mädchen aufgegriffen hatte. Sie war eingeschlafen, wie er hatte feststellen müssen, als sie ihn umarmte und sich an ihm wärmte.
Sie war immer noch in seinem Cape und dem Tuch eingewickelt.

Er musste sich wirklich eingestehen, dass sie ein erwärmender, atemberaubender Anblick war. Ihre hellen, blauen Augen und ihre Haare vervollständigten ihr Gesicht in der Weise, dass sie einem sofort auffallen mussten. Ihr Körper war bereits einigermaßen gebaut und geformt, was Vegeirs Vermutung über ihr Alter verstärkte.
Aber hatte er auch aus diesem Grund den Eindruck gewonnen, das sie irgendwie in die Geschichte nicht mit hineinpasste. Ihr Aussehen stand im starken Kontrast zu ihrer ärmlichen Kleidung und dem schauerlichen Dorf, durch das er reisen wollte…
Außerdem störte ihn immer noch die Tatsache, dass sie augenscheinlich ganz allein in diesem Dorf war, denn seit dem Treffen mit Jaina war es stiller geworden.
Aber auch kälter und nebliger. Und die Beschädigungen an den Häusern waren nun wirklich nicht zu übersehen.
Jedoch beunruhigt ihn das weniger, als dass, was ihn hinter der nächsten Nebelwand erwarten könnte…

„Was ist mit deinem Pony?“
Sie rückte im Sattel auf und schmiegte sich an ihn.
„Es ist… nichts…“ antwortete er angestrengt in die Dunkelheit blickend.

Er blickte über seine Schulter zu ihr herunter.
„Ich will mich nur umsehen…“ fügte er noch hinzu. Sie guckte sich um und tätschelte dann leicht das Rückenfell unter dem Sattel.
„Und außerdem ist Brégo ein Pferd, eine Stute. Kein Pony.“ belehrte er sie mit einem Lachen.
Da wo er her kam, wusste jedes Kind um Pferde und Ponys und konnte erstere meist auch schon im jugendlichen Alter zähmen und reiten.
Sie schaute ihn an und zeigte ein Lächeln, dass ihm ein mulmiges Gefühl einbrachte. Gleichzeitig strahlte sie mitlerweile eine Wärme aus, die Vegeir als beruhigend empfand.
Sie hatte etwas an sich…

Vegeir spürte wieder eine Bewegung unter sich. Brégo hatte sich beruhigt und schritt nun in langsamen Tempo ein weiteres mal voran, dem Dorfzentrum entgegen.
Er schaute in jede Ecke, jedes Fenster, das er durch das dichte Nebel-Gewand erkennen konnte. Und es war nicht gerade überraschend, das er soviel wie gar nichts sehen konnte…
Der Reiter sah seinem Tier an, dass es ihr genauso ging wie ihm.

„Wie geht es dir, Jaina?“ flüsterte er mit sichtbarem Atem über seine Schulter.
Eine Unterhaltung war genau das, was diese Atmosphäre lockern konnte.
„Gut… Warm.“
Sie umarmte ihn fester. Er legte seine rechte behandschuhte Hand auf ihre Hände, die unter dem Cape hervorkamen und sich um seine Taille schwungen. Eine solche Umarmung, solche Wärme hatte er lange nicht mehr gespürt…

Vegeir fühlte sich wie ein Vater in diesem Augenblick.
Er konnte es sich vorstellen…

Brégo trabte an einem alten Stall vorbei. Das Tor war weit geöffnet, ein einsames Licht brannte – sieht aus wie ein Kerzenschein.

Er wusch für einen Augenblick den Gedanken an Jaina aus seinem Kopf und beugte sich leicht vor.
Es war nur ein kurzes Flüstern nötig und schon hielt das Pferd inne.
Der Reiter drehte sich leicht in Richtung des verrotteten Stalls und löste die Hände des Mädchens. Sie fuhren sofort wieder unter das Cape und er schob sie leicht mit dem Körper weiter zurück in den Sattel.

Er schwung das linke Bein hoch auf den Sattel, liess die Steigbügel hängen und sass nun seitlich im Sattel. Das Leder knirschte und mit einem geschmeidigen Satz sprang der Reiter von seinem Ross, der Mantel fiel ihm bis zu den Fußknöcheln. Unter dem Dreispitz fiel eine lange, dunkelbraune Strähne bis zum Nacken hinab und unter den Schössen schien ein weiteres Kleidungsstück an den Beinen hinab zu gleiten.

Vegeir ging zum Sattelknauf und nahm die Zügel in die Hand. Er bemerkte und erwiderte den Blick Jainas und versuchte ein Lächeln unter dem Schal zu zeigen.

„Pass gut auf Brégo auf, in Ordnung?“ Sie schenkte ihm ein breites Lächeln und nickte, beinahe fröhlich.
Das Mädchen nahm ihm die Zügel aus der Hand. Er streichelte ihr über den Oberschenkel und versuchte, beruhigend zu wirken, obwohl sie das wahrscheinlich gar nicht benötigte.
„Ich seh mich nur um. Bin gleich wieder da.“

Vegeir wandte sich um und trat auf den Bordstein.

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