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Die Nacht der Wölfe – Kapitel 1

Zuerst die feuchte Nacht, dann der heulende Kamin in der Schenke im letzten Dorf, dessen Name sich nur aussprechen liess, wenn man dreimal so viele Laute ausstieß, als er Buchstaben hatte, aus denen er sich zusammensetzte. Danach ein langer Ritt unter schneidenden Wind und Regen und nun zu guter letzt die Durchquerung des finsteren Dorfes…

Die Hufe klapperten auf dem Asphalt. Das Echo hallte die dunkle Strasse entlang, tief in die Schatten hinein, die abstrakte Zeichen auf der Strasse bildeten. Das fahle Mondlicht und die schwachen Laternen liessen von den Häusern nur wenig erkennen, wobei der schummrige Nebel auch noch sehr behilflich war. Aber auch so reichte der Anblick der Häuser, um deren verwahrlosten Zustand zu erkennen.
Vielen Außenwänden fehlte der Putz, Balken hingen herab, Scheibenstücke hingen nur lose in ihren Rahmen, Türen lagen am Boden, teils zertrümmert, teils gar nicht mehr zu erkennen.

Der Dunkle Reiter ritt weiter voran, der Strasse in die weite Kurve folgend. Das Pferd schnaubte tief, der Atem war in der Kälte schnell zu erkennen. Der Reisende reibte seine behandschuhten Hände aneinander, faltete sie und atmete tief in sie aus.
Er nahm die Zügel wieder in die eine Hand und streichelte mit der anderen sanft über den langen Hals des schlecht gelaunten Tieres.
Die Stute war in braun gehalten, an den Läufen fiel langgewachsenes, dunkelbraunes Haar dem Huf entgegen, der Schweif war offen gelassen und reichte beinahe bis zu den Knien. Die Kopfhaare fielen über das Gesicht, auf dessen Stirn man die weiße Blässe erhaschen konnte und es schien so, als würde es gerade das nötigste sehen können. Doch ein Makel war nicht zu übersehen: die grauen Haarsträhnen, die sich überall in das Braun miteingemischt hatten.

An den Seiten trug es schwere Leder-Taschen, die allesamt mit Schnüren verschlossen waren, und großflächig mit Schlamm und Geäst bedeckt waren.
Am Reiter konnte man nur einen kantigen, schwarzen Filz-Dreispitz und einen langen, ebenfalls dunkel gehaltenen, zugeknöpften Ledermantel mit weiten Ärmeln und einem Stehkragen erkennen. Zwischen dem Hut und dem und dem dicken beigen Schal, der um den Kragen gewickelt war, waren nur zwei blitzende Augen zu sehen, die stetig umherschweiften, als wenn sie etwas suchten. Unter dem Mantel spitzte das Ende einer Schwertscheide hervor und ein langes, bis zum Schweif der Stute reichendes, schwarzes Cape mit blutroter Innenstaffierung war an den Schultern und unter dem Hals befestigt.
Das Pferd bewegte sich ohne Zutun des Reiters weiter voran.

Es lag diese unheimliche Stille über dem Dorf. Niemand war zu hören, kein Schritte, kein Gesang der Vögel aus dem Wald geschweige den Bäumen, die hier überall waren… Garnichts.
Langsam öffnete der Reiter die untersten Knöpfe seines Mantels und schob die Schösse über seine Knie, so dass der Knauf des Langschwerts frei lag. Er schaute geradeaus in den Nebel.
Ist das eine Geisterstadt?
Doch plötzlich war ein lautes Platschen zu hören, wie das eines Stampfers in eine Pfütze.
Die Gestalt drehte sich um… mit schnellem Getrappel verschwand ein Schatten in einer Nebengasse.
Eine Ratte…verdammt.
Innerhalb des kurzen Moments, in der er sich umdrehte, scheuchte wieder irgendetwas in der Strasse auf… Ein schneller Blick über die Schulter… ein Schemen verschwand im Nebel…

Ein lachendes Gesicht zeichnete sich im Nebel ab – wenn man eine gewisse Fantasie hatte…
Langsam, die Häuserwände absuchend, wandte sich der Reiter wieder um und zuckte für einen weiteren Moment zusammen. Eine kalte Böe strich an der Flanke des Pferdes vorbei und liess es vor Schreck laut schnauben und ein paar Schritte zurückweichen. Die Gestalt versuchte die Stute zu beruhigen und beugte sich zum Gesicht vor.
Er flüsterte dem Pferd leise Worte ins Ohr, als er ein mulmiges Gefühl im Bauch hatte…
Seine Hand fuhr blitzschnell zum Schwertknauf…

Von einem Moment auf den anderen erschien dieses Mädchen…

Wie ein Gespenst war sie aus dem dichter werdenden Nebel aufgetaucht, gekleidet in zotteliges Schafsfell über den Lumpen, die ihre eigentliche Bekleidung darstellte, den Blick stumpf auf den Reiter mit seinem Tier gerichtet.
So unheimlich es im Moment auch war, er musste sich selber wundern und eingestehen, aber sie war eines der bezauberndsten Mädchen, das er je gesehen hatte.
Sie schien blass wie eine Leiche und zuerst konnte er sich diesen Gedanken auch nicht aus dem Kopf schagen…

Seine Gänsehaut hatte sich wieder gelegt, als sich der dunkle Reiter nach hinten in den Sattel lehnte und das Leder knirschte. Er drehte sich leicht im Sattel, beugte sich zur Seite und wandte sich mit einer rauhen Stimme und gebrochenem Akzent an das Mädchen:
„Du hast mich vielleicht erschrocken, Kleine.“
Er musste an seine eigene Angst denken, die er erst verspürt hatte.
„Hab keine Angst. Ich bin nur ein Reisender.“
Er musste über seine eigene Angst lächeln.
„Verstehst du mich?“
Das Mädchen musterte erst das Pferd, dann blickte sie zu ihm auf und nickte, als hätte sie ihn verstanden.
„Wie ist dein Name? Wieso bist du noch hier draussen, zu einer so späten Stunde?“ fügte er hinzu und blickte in den pechschwarzen Himmel. Kein Stern am Himmel, der Mond war nur schwach und er schätzte, dass die Zeit wohl kurz vor einem neuen Tageswechsel stand.

„Jaina. Mein Name… ist… Jaina.“antwortete sie mit einer lieblichen, kindlichen Stimme.
Er war erleichtert. Er dachte schon, er wäre hier in einer Geisterstadt gelandet.
„Dann grüße ich dich, Jaina. Ich bin Vegeir…“
Er hielt ihr die Hand hin und sie ergriff sie mit ihren blanken, beinahe weißen Händen. Selbst durch seinen Handschuh merkte er die Kälte, die ihre Hände ausstrahlten.
Ihre Augen, mit denen sie ihm tief in die Augen schaute hatten dennoch diese Wärme und gaben ihm ein Gefühl von Geborgenheit in dieser einsamen Einöde.
Ein süsses kleines Ding.

Entzückt von dem kleinen Mädchen, flüsterte er ihr leise etwas zu. „Verdammt… Du musst doch frieren, Kleine. Komm, ich bring dich nach Hause.“
Sie lächelte Vegeir an. Ein bezauberndes, junges Lächeln, wie es nur Kinder zeigen konnten. Vegeir hätte sie auf etwa 14 oder 15 geschätzt. Vielleicht jünger, aber auch nicht älter. 15… 14… dafür scheint sie viel zu jung…

Sie drückte seine Hand fester und spürte immer mehr von der Kälte. Seine Hand fühlte sich steif an, beinahe gefroren. Er griff mit seiner zweiten nach ihrer anderen und er verspürte das gleiche Gefühl wie bei ihren ersten Kontakt.
In dieser Kälte ohne Handschuhe… Was für ein Wahnsinn.
Vegeir lächelte. Bei diesem Gedanken kam ihm seine Erinnerung an seine Eltern und seinen Bruder in den Sinn, die ihn immer warm eingepackt hatten, wenn er im Winter draussen war…

Er zog sie ein Stück hoch. Er drehte sich danach komplett zur Seite, stütze sie leicht mit den Stiefeln und dem Steigbügel ab und fasste mit beiden Händen an ihre Taille.
Schließlich sass sie aufrecht im Sattel. Er öffnete die Brosche seines Capes und wickelte sie darin ein. Nun bemerkte er auch, dass Jaina nur ein paar Leder-Fetzen um die Füße gebunden hatte. Aufgrund dessen griff er in einen Lederbeutel an seinem Gürtel und zog ein langes, schweres Tuch heraus.
Er ergriff ihre Füße und wickelte sie ebenfalls ein und schloss das Tuch mit einem festen Knoten. „Hoffe, das wärmt. Aber pass auf mein Tuch auf.“flüsterte er ihr zu, als er sich wieder umdrehte und die Zügel in die Hand nahm. „Es ist ein Andenken.“
Ihr Schweigen störte ihn aber sie nickte, als er seinen Blick zu ihr wandte.

Er griff mit einer Hand nach dem Knauf seines Schwertes. Hier konnte etwas nicht stimmen. Irgendetwas passt hier nicht zusammen.
Brégo versetzte sich, träge von der Kälte, wieder in Bewegung. Die Häuserreihen zogen nur langsam an ihnen vorbei.
Er musterte die Häuser, an der seine Stute vorbeischritt. Ihm war dieses ganze Dorf nicht geheuer. Vor allem seit er nun Jaina getroffen hatte. Was hatte ein kleines Mädchen zu solch später Stunde in einem solch runter gekommenen Dorf zu suchen? Es verwirrte ihn und er schüttelte den Kopf, um sich von dieser Frage abzubringen.

Plötzlich spürte er einen eiskalten – selbst für das jetzige Wetter kalten – Hauch an seiner Wange, die unter dem Schal und dem Mantelkragen hervorschaute.
Im gleichen Moment bemerkte er die zwei eingewickelten Hände, die sich um seine Hüfte legten und sich zu einer Umarmung formten. Das Mädchen…
Er liess den Knauf los und fasste sanft die Hände Jainas.
„Wo bist du zuhause, Jaina? Hier irgendwo? In dieser Strasse? Ist deine Mutter in der Nähe? Oder dein Vater?“ Er blickte hinaus in den Nebel. Die Strasse war leer. Nicht einmal ein Schatten, der hier alles noch hätte unheimlicher machen könen, tauchte auf in diesem dichten Nebel.
Vegeir kam es sowieso unerklärlich vor, denn es schien, als würde sich der Nebel immer mehr verdichten, von Minute zu Minute, je mehr er sich der Stadtmitte näherte, der er entgegenritt, weil er gerade dort vermutete, jemanden zu treffen, der ihm weiterhelfen konnte.

Sie antwortete nicht. Der Reiter wusste nicht ob sie schon eingeschlafen war oder nur schüchtern. Vielleicht hatte sie Angst, womöglich war hier wirklich etwas geschehen…

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